Blog Juli 2026

Nach 13 Jahren und 7 Monaten raus aus EO

Warum ich ein Format verlassen habe, das nicht kaputt war. Und was 13 Jahre Forum wirklich gebracht haben.

Nach 13 Jahren und 7 Monaten raus aus EO

Am 18. Mai 2026 habe ich um 17:44 Uhr eine Mail geschrieben, die aus vier Zeilen bestand. Betreff: „Paavo Geht“. Empfänger: das Chapter München. Inhalt: dass ich EO schweren Herzens verlasse, und dass ich mein Forum gerade informiert habe.

Vier Zeilen für dreizehn Jahre und sieben Monate. Das war Absicht. Wer lange in einem Format war, in dem alle jeden Monat ehrlich reden, muss beim Gehen nicht plötzlich ausschweifen.

Wie ich reingekommen bin

Ich dachte lange, ich sei seit 2011 dabei. War ich nicht. Ich habe im Postfach nachgesehen, weil ich es genau wissen wollte, und die Spur ist eindeutig.

Am 7. Juni 2011 schrieb mir ein Bekannter, wir hatten am Abend vorher gesprochen, er schickte drei PDFs hinterher. Eines davon hieß „Member Application 2010 2011“. In seiner Mail stand ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: EO Mitglieder veranstalten kein Networking, bei dem man sich oberflächlich austauscht und gegenseitig berichtet, wie toll es gerade läuft. Sondern sie schaffen ein sicheres Umfeld, um fundamentale Fragen zu diskutieren.

Ich war eingeladen zum sogenannten Test Drive am 27. Juni 2011, einem Kennenlernabend. Ich habe am Morgen des Termins abgesagt. Dann passierte ein Jahr lang gar nichts.

Erst im Sommer 2012 kam das Thema zurück. Am 2. September 2012 habe ich einem Kollegen geschrieben, ich sei „in den engen Circle der Entrepreneurs' Organization aufgenommen“ worden und müsse jetzt ein Kurzprofil liefern. Die formale Bewerbung ging am 19. September raus. Am 9. Oktober schickte das Chapter München mein Kurzprofil an alle Mitglieder, mit 72 Stunden Widerspruchsfrist. Niemand legte Veto ein.

Am 15. Oktober 2012 um 16:50 Uhr kam die Mail aus Alexandria, Virginia: You are now officially an EO member. Drei Tage später saß ich im Forumtraining.

Zwischen dem ersten Gespräch und der Mitgliedschaft lagen sechzehn Monate. Rückblickend war das kein Zufall. EO ist kein Verein, in den man eintritt. Es ist einer, in den man aufgenommen wird, und der Prozess ist Teil der Botschaft.

Was EO eigentlich ist

Die Entrepreneurs' Organization wurde 1987 gegründet und ist heute mit rund 20.000 Mitgliedern in über 220 Chaptern und mehr als 80 Ländern die größte Peer to Peer Community, die es ausschließlich für Unternehmer gibt. Organisiert ist sie in lokalen Chaptern, München ist ein eingetragener Verein.

Der Kern ist nicht das Chapter. Der Kern ist das Forum.

Ein Forum sind sechs bis neun Unternehmer, die sich einmal im Monat treffen, immer dieselben Leute, immer vertraulich. Man trifft sich reihum, bei jemandem zuhause oder im Büro. Jeder bringt ein Update mit, im EO Jargon heißt das 5 % Sharing: die fünf Prozent, über die man sonst mit niemandem redet. Business, Familie, Gesundheit, Geld, das Persönliche. Nicht die Highlights. Die Wahrheit.

Es gibt dafür Regeln, und die sind der eigentliche Trick. Man gibt keine Ratschläge. Man erzählt stattdessen aus der eigenen Erfahrung. Statt „du solltest den Mann feuern“ sagt man „ich hatte 2019 eine ähnliche Situation, ich habe zu lange gewartet, und das hat mich X gekostet“. Der Unterschied klingt nach Semantik. Er ist der ganze Unterschied.

Mein Forum

Ich habe zwei Foren erlebt. Das erste hieß Forum MUC II, das ging ab November 2012 los. Das zweite ist Forum 11, gegründet am 11. November 2019. Ich war von Anfang an dabei.

Forum 11 hat in sechseinhalb Jahren über 6.600 Nachrichten in der Gruppe produziert. Das klingt nach einer nutzlosen Zahl, aber sie beschreibt etwas: das Forum lief nicht nur einmal im Monat, es lief durch.

Ein paar Sachen, die ich mitnehme.

Der Situation Room 2020. Als Corona kam, haben wir im Forum ein Dokument aufgesetzt, das hieß „Einen Situation Room aufbauen“. Wir haben über Liquidität geredet, über Szenarien, über die Frage, wie lange die eigene Firma durchhält. Ich kannte damals niemanden sonst, mit dem ich so offen über Zahlen reden konnte. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, wofür das Format eigentlich gut ist. Nicht für gute Zeiten.

Die persönlichen Sachen. Im Januar 2022 hat ein Forumsmitglied die schwere Geburt seiner Tochter mit uns geteilt, in Echtzeit, aus dem Krankenhaus. Das war kein Business Content. Dafür ist das Format da.

Die Retreats. Lissabon 2023, Südtirol im selben Jahr, Wandl 2024, Ruhpolding 2024. Zwei bis vier Tage, kein Handy, keine Agenda außer der eigenen. Retreats sind der Punkt, an dem aus Kollegen etwas anderes wird.

Der Hausbau. Über Jahre war mein wiederkehrendes Thema in den 5 % Updates das Haus. Explodierende Baukosten, zweite Budgetgrenze gerissen, Handwerker, Verfahren. Ich habe das Thema so oft mitgebracht, dass es fast ein Running Gag war. Aber ich habe es eben mitgebracht, statt es alleine mit mir auszumachen. Das ist der Wert.

Im Januar 2024 wurde ich zum Moderator Elect gewählt, im Februar 2025 war ich beim Moderator Training. Das letzte Forum unter meiner Moderation war am 22. Juni 2026, bei mir zuhause. Danach habe ich sauber übergeben.

Was es gebracht hat

Ich formuliere das nüchtern, weil alles andere unglaubwürdig wäre.

Erstens: ein Ort ohne Verkaufsdruck. Ich bin seit über zwanzig Jahren in Netzwerken unterwegs, beruflich und privat. Fast alle haben eine Nebenagenda. Im Forum hatte niemand etwas von mir zu holen. Das ist seltener, als es klingt.

Zweitens: das Sprechen über Zahlen. Nicht über Umsatz auf der Bühne, sondern über Marge, Cash, Gehälter, Fehlentscheidungen. Ich habe im Forum Dinge gehört, die mir konkret Geld gespart haben, und Dinge gesagt, die ich sonst niemandem gesagt hätte.

Drittens: die Trennung von Firma und Person. Das 5 % Format zwingt einen, jeden Monat auch über Familie und Gesundheit zu reden. Wer als Unternehmer nur über die Firma redet, verwechselt irgendwann beides. Das Format hat mich davor bewahrt.

Viertens: Leute. Ein paar der Menschen aus Forum 11 werde ich weiter sehen, unabhängig von EO. Das ist am Ende der einzige Ertrag, der bleibt.

Warum ich gegangen bin

Nicht, weil etwas kaputtgegangen wäre. Das ist der Teil, der schwer zu erklären ist. Alles hat seine Zeit gehabt, und meine EO Zeit war vorbei.

Ein Format wie EO ist am wertvollsten, wenn man Fragen hat, die man alleine nicht beantworten kann. 2012 war ich Agenturunternehmer bei der One Advertising, mitten im Wachstum, mit sehr vielen offenen Fragen. 2026 habe ich mit ONNI etwas Zweites aufgebaut, ich weiß, wie ich arbeite, und mein Problem ist der Kalender, nicht der Erkenntnisstand.

Dazu kommt die eigentliche Veränderung: die unternehmerischen Herausforderungen von heute heißen AI, Automatisierung und neue Geschäftsmodelle. Das ist kein Thema, das man einmal im Monat in einer Runde nebenbei mitnimmt, das verändert gerade jede Rolle in meinen Firmen, jeden Prozess und jedes Produkt. Für diese Fragen war EO für mich nicht mehr das richtige Umfeld.

Dazu kommt Ehrlichkeit über Aufwand. Ein Forum ernst zu nehmen heißt: ein Tag im Monat, Retreats, Moderatorenrolle, Chapter Events, Surveys, Requalification. Das ist kein Nebenbei. Wenn ich es nicht mehr voll mache, mache ich es besser gar nicht. Ein halb anwesendes Forumsmitglied schadet dem Forum.

Und dann ist da die jährliche Beitragsrechnung. Sie ist ein guter Zwangsmoment, weil sie einmal im Jahr die richtige Frage stellt: willst du das nächste Jahr wirklich? 2026 war meine Antwort zum ersten Mal nein.

Wie man gut geht

Zwei Tage nach meiner Mail meldete sich der Engagement Chair des Chapters. Er wollte verstehen, was EO besser machen kann. Ich habe sofort zugesagt.

Das ist etwas, was die Organisation richtig macht: sie fragt nach. Und es ist etwas, was ich empfehlen würde, unabhängig von EO. Wer aus einem Format aussteigt, das ihm jahrelang etwas gegeben hat, schuldet ihm ein ehrliches Feedbackgespräch. Nicht als Höflichkeit. Als Gegenleistung.

Ich habe die Moderation sauber übergeben, mit einem Dokument, in dem Termine, Roster, Zugriffe und offene Punkte stehen. Die Beitragsrechnung wurde drei Tage nach meiner Mail storniert, ohne Diskussion.

So sieht ein gutes Ende aus. Kein Knall, keine Enttäuschung, keine offene Rechnung in irgendeine Richtung.

Was ich jemandem sagen würde, der überlegt

Wenn du überlegst, ob EO etwas für dich ist, dann sind das aus meiner Sicht die drei Fragen.

Bist du bereit, jeden Monat einen Tag zu blocken? Wenn nicht, lass es. Das Format funktioniert nur mit Anwesenheit.

Hast du offene Fragen, die du alleine nicht beantworten kannst? Wenn du gerade skalierst, gründest, verkaufst, scheiterst oder nicht weißt, ob du weitermachen willst, ist ein Forum das beste Instrument, das ich kenne. Wenn dein Laden läuft und du weißt, wo es hingeht, wird es Pflichtprogramm.

Kannst du zuhören, ohne Ratschläge zu geben? Das ist die schwierigste. Die meisten Unternehmer können es nicht. Man lernt es dort, und es ist die Fähigkeit, die ich am ehesten mitnehme.

Dreizehn Jahre und sieben Monate. Ich würde es wieder machen. Und ich würde wieder aufhören, wenn es soweit ist.